{"id":70,"date":"2010-01-15T23:33:03","date_gmt":"2010-01-15T22:33:03","guid":{"rendered":"http:\/\/nilsnordmann.de\/blog\/?p=70"},"modified":"2012-01-27T20:44:59","modified_gmt":"2012-01-27T19:44:59","slug":"die-chronologie-eines-abends-als-dj","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/nilsnordmann.de\/blog\/?p=70","title":{"rendered":"Die Chronologie eines Abends als DJ"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Diesen Artikel habe ich f\u00fcr die Hannoversche Allgemeine Zeitung in 2006 geschrieben:<\/p>\n<p><a rel=\"attachment wp-att-72\" href=\"http:\/\/nilsnordmann.de\/blog\/?attachment_id=72\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-medium wp-image-72\" title=\"Nils @\u00a0Sommer Residenz\" src=\"http:\/\/nilsnordmann.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/dj01-208x300.jpg\" alt=\"Nils @\u00a0Sommer Residenz\" width=\"208\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/nilsnordmann.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/dj01-208x300.jpg 208w, https:\/\/nilsnordmann.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/dj01.jpg 278w\" sizes=\"(max-width: 208px) 100vw, 208px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Viele Leute denken, dass Djing ein cooler Job ist. Das ist doch der Typ, der immer gut gelaunt hinter den Plattentellern steht, pausenlos Frauen aufrei\u00dft und ein Jetset-Leben f\u00fchrt.\u00a0 Ich m\u00f6chte diesen Plattit\u00fcden gerne etwas entgegensetzen, indem ich der Leserschaft einfach mal einen gew\u00f6hnlichen DJ Abend beschreibe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Auflegen beginnt nicht erst wie viele denken im Club &#8211; nein &#8211; hier bedarf es langer Recherche und Vorarbeit: Musikmagazine lesen, neue Bands ausfindig machen, stundenlang das Material in Plattenl\u00e4den h\u00f6ren, Platten kaufen und sie schlie\u00dflich katalogisieren. Das ist so \u00e4hnlich wie Briefmarken sammeln &#8211; ganz und gar unglamour\u00f6s. So beginnt mein Abend am 25.02. auch nicht um 23 Uhr im Club, sondern um 18 Uhr in meinem Wohnzimmer. Hier lege ich den Grundstein des Abends: Ich w\u00e4hle die Platten aus. Dieser Vorgang soll \u00fcber Erfolg oder Niederlage des Abends entscheiden und ist deswegen extrem wichtig. Ich entscheide mich f\u00fcr ein ausgewogenes Set zwischen Electro und Gitarre. Akribisch werden die Platten in den vorgesehenen Plattenkoffer sortiert und teilweise noch einmal geh\u00f6rt und gepr\u00fcft. Jetzt nochmal kurz chillen und dann steht Mario aka Rothmatic auch schon unten vor der T\u00fcr. Ein Plattenkoffer kann extrem schwer sein, besonders wenn man ihn aus dem 3. Stock nach unten tragen muss.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Um 21 Uhr entern wir das Spandau. Wir tragen die Platten kurz in den Keller und schon meldet sich der Magen &#8211; knurr knurr. Also noch was essen, um auch k\u00f6rperlich eine gute Grundlage zu schaffen und dann geht&#8217;s um 22 Uhr offiziell los. Nachdem ich kurz die Technik gecheckt habe, finde ich mich als erster von den drei heutigen DJ\u00b4s hinter den Plattenspielern wieder. Sp\u00e4rlich kommen G\u00e4ste nach unten. \u201eKenne ich dich nicht von fr\u00fcher?&#8221; fragt mich ein junger Mann, Mitte bis Ende 20. \u201eHast du nicht mit Olli Wilkening immer geskatet?&#8221; bohrt er weiter. Ich erinnere mich jetzt und will auch gerne mit ihm smalltalken, doch ich war gedanklich eigentlich beim Plattenauflegen. Ich spiele eine recht eklektische Mischung aus Roxy Music, Talking Heads, DJ Hell, Neon Judgement und Miss Kittin. Schon kommt auch schon der erste Wunsch: \u201eHast du mal Everyday I Love You Less And Less?&#8221; Na klar, ich verschie\u00dfe meine Hits am Besten schon am Anfang vor 20 Leuten. Ich kann an dieser Stelle immer wieder nur Hans Nieswandt zitieren und sagen, dass H\u00f6rerw\u00fcnsche eigentlich eine Pest sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Um 23.30 Uhr kommt Laura alias Miss Candy Candy. Wir begr\u00fc\u00dfen uns und einigen uns auf einen st\u00fcndlichen DJ-Wechsel. Auch hier gibt es tausende M\u00f6glichkeiten: 1er Ping Pong, 3er Ping Pong, Wechsel nach einer halben Stunde oder manchmal auch so gut wie gar nicht, wenn der andere DJ enthusiastisch bei der Sache ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mario \u00fcbernimmt dann um 00 Uhr die n\u00e4chste Schicht. Er beginnt mit alten Indie-Klassikern wie Sonic Youth und Pixies und schwenkt dann zu 70s Disco und Funk. Ich habe jetzt 2 Stunden Zeit bis zu meinem n\u00e4chsten Einsatz, aber das ist t\u00fcckisch, denn als DJ kann man zwischen seinen Sets nicht wirklich relaxen. Man pr\u00fcft das Publikum und beobachtet zu welchen Songs die K\u00f6pfe nicken. Wie ein Detektiv saugt man jede Reaktion auf und pr\u00fcft, welche Platten die anderen DJ\u00b4s spielen, um Wiederholungen zu meiden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">N\u00e4chste Meldung aus dem Publikum: \u201eEy Meister, soll hier nicht auch noch Electro gespielt werden?&#8221; Gesagt, getan. Um 01 Uhr entert Candy die DJ-Kanzel und spielt ein recht housiges Set. Der Raum ist nun komplett gef\u00fcllt und die Leute fangen an zu tanzen. Das Publikum ist heute sehr gemischt, doch das macht es einem DJ umso schwieriger alle Geschm\u00e4cker auf einen Nenner zu bringen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jetzt ist es 02 Uhr und ich bin wieder dran. \u201eKannst du mal The Drill spielen?&#8221; wird von der Tanzfl\u00e4che gefordert. Jetzt muss ich mein Statement oben ein wenig einschr\u00e4nken: Nicht alle H\u00f6rerw\u00fcnsche sind eine Pest. Manchmal passt ein Wunsch wirklich auch mal in die Stimmung des Sets und dann spiele ich ihn auch tats\u00e4chlich gerne.<\/p>\n<p><a rel=\"attachment wp-att-73\" href=\"http:\/\/nilsnordmann.de\/blog\/?attachment_id=73\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-medium wp-image-73\" title=\"K\u00f6nigin Mutter DJ Team\" src=\"http:\/\/nilsnordmann.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/dj2-300x216.jpg\" alt=\"K\u00f6nigin Mutter DJ Team\" width=\"300\" height=\"216\" srcset=\"https:\/\/nilsnordmann.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/dj2-300x216.jpg 300w, https:\/\/nilsnordmann.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/dj2.jpg 400w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Meine Plattenauswahl ist sehr elektronisch &#8211; jetzt ist Konzentration angesagt. Man muss akribisch die Geschwindigkeit des neuen Tracks rausfinden, sie an den alten anpassen und langsam \u00fcberblenden. Das sieht zwar cool und relaxed aus, ist aber schwei\u00dftreibende Milimeterarbeit. Irgendein jetzt schon total besoffenes Schwein torkelt vor der DJ-Kanzel herum schreit mir irgendwelche unverst\u00e4ndlichen W\u00f6rter entgegen und f\u00e4llt schlie\u00dflich gegen meinen Arbeitsplatz. Ich h\u00e4tte es kommen sehem m\u00fcssen. Die Nadel verrutscht und schon ist das Lied zu Ende. Jetzt muss ich schnell reagieren. Ich suche eine neue Platte aus und spiele irgendein Lied. Ich hasse solche Situationen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ab 03 Uhr legt Mario wieder auf. Es ist ganz sch\u00f6n verraucht und mein Kopf beginnt langsam weh zu tun, also gehe ich mit meinem Kunpel Eze nach oben und wir loungen (ich glaube so nennt man das jetzt) ein wenig. Langsam aber sicher erreiche ich meinen toten Punkt. Jetzt ist es wichtig nicht nachzugeben. Wir gehen wieder runter und die Stimmung ist ganz ausgezeichnet. Ich lasse mich anstecken und tanze ein wenig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die DJ Zeiten stimmmen langsam auch schon nicht mehr und mein inneres schreit nach Gitarrenmusik: Arcade Fire, Elefant, Strokes, Interpol, Morrissey. Ich reihe Hit an Hit und besonders die Frauenfraktion dankt es mir. Apros pro Frauen; wer denkt, dass man als DJ gro\u00df Frauen aufrei\u00dft, den kann ich nur Fragen: \u201eWann denn?&#8221;. Man ist ja die ganze Zeit mit auflegen besch\u00e4ftigt, selbst wenn man nicht alleine auflegt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zu guter letzt legt Laura noch ein bischen 80er Jahre auf: ABC, Pet Shop Boys, New Order, Depeche Mode &#8211; mein Sound. Ich freu mich, verbrauche noch meine letzten Kraftreserven und sacke schlie\u00dflich auf dem Sofa zusammen. Das war ein erfolgreicher Abend.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Diesen Artikel habe ich f\u00fcr die Hannoversche Allgemeine Zeitung in 2006 geschrieben: Viele Leute denken, dass Djing ein cooler Job ist. Das ist doch der&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[12,4],"tags":[19],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/nilsnordmann.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/70"}],"collection":[{"href":"https:\/\/nilsnordmann.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/nilsnordmann.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/nilsnordmann.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/nilsnordmann.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=70"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/nilsnordmann.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/70\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":629,"href":"https:\/\/nilsnordmann.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/70\/revisions\/629"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/nilsnordmann.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=70"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/nilsnordmann.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=70"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/nilsnordmann.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=70"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}