{"id":81,"date":"2010-01-15T23:55:55","date_gmt":"2010-01-15T22:55:55","guid":{"rendered":"http:\/\/nilsnordmann.de\/blog\/?p=81"},"modified":"2012-01-27T20:44:32","modified_gmt":"2012-01-27T19:44:32","slug":"dimitri-schostakowitsch-komponieren-im-spannungsfeld-zwischen-staat-und-kunst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/nilsnordmann.de\/blog\/?p=81","title":{"rendered":"Dimitri Schostakowitsch &#8211; Komponieren im Spannungsfeld zwischen Staat und Kunst"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong><span style=\"font-weight: normal;\">Eine alte Hausarbeit zu Dimitri Schostakowitsch. Es gilt etwaige Rechtschreibfehler zu entschuldigen.<\/span><a rel=\"attachment wp-att-83\" href=\"http:\/\/nilsnordmann.de\/blog\/?attachment_id=83\"><\/a><\/strong><\/p>\n<p><strong><a rel=\"attachment wp-att-83\" href=\"http:\/\/nilsnordmann.de\/blog\/?attachment_id=83\"> <\/a><\/strong><\/p>\n<p><strong><a rel=\"attachment wp-att-83\" href=\"http:\/\/nilsnordmann.de\/blog\/?attachment_id=83\"><img decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-83\" title=\"schostakowitsch\" src=\"http:\/\/nilsnordmann.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/schostakowitsch.tiff\" alt=\"schostakowitsch\" \/><br \/>\n<\/a><br \/>\n1 Einleitung<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In dieser Arbeit untersuche ich das Schaffen des russischen Komponisten Dimitrij Schostakowitsch in Verbindung mit der damaligen herrschenden politischen Situation Russlands und dem daraus resultierenden Spannungsfeld.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich unterteile diese Arbeit in zwei Hauptteile. Zum einen m\u00f6chte ich einen \u00dcberblick \u00fcber allgemeine politisch-k\u00fcnstlerische Lage Russlands geben. Hierbei soll der Leser ein grobes Vorwissen kriegen, um zu verstehen, warum das Spannungsfeld Staat und Kunst in Russland von so gro\u00dfer Bedeutung war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im zweiten Teil beschreibe ich die pers\u00f6nliche Situation Schostakowitschs. Dabei soll das im ersten Teil untersuchte Spannungsfeld in einen pers\u00f6nlichen Kontext gebracht werden und beispielhaft an Notenausz\u00fcgen des russischen Komponisten belegt werden. Auf seine Biografie kann ich nur bis zum Jahre 1937 eingehen, da es sonst den Rahmen dieser Hausarbeit sprengen w\u00fcrde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>2 Die politische Situation der Sowjetunion w\u00e4hrend Schostakowitschs Schaffenszeit<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit der Oktoberrevolution 1917 st\u00fcrzte die Revolutionsbewegung der Bolschewiki den Zaren vom Thron und der Revolutionsf\u00fchrer Lenin proklamierte die sozialistische Sowjetrepublik. Diese Ereignisse l\u00f6sten einen vier Jahre andauernden B\u00fcrgerkrieg aus, der letztendlich von den Sozialisten gewonnen wurde. Am 30. Dezember 1922 schlossen sich Russland, Ukraine, Wei\u00dfrussland und Transkaukasien zur Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken (UdSSR) zusammen, um eine weltpolitische Gro\u00dfmacht aufzubauen. Nun sollten die feudalen Herrschaftsverh\u00e4ltnisse aufgel\u00f6st und die veralteten Produktionsverh\u00e4tnisse, die noch auf teilweise mittelalterlicher Bauernwirtschaft beruhten, in eine zentralwirtschaftliche, industrialisierte Wirtschaft reformiert werden. Die Abschaffung aller Klassen und eine Weltrevolution wurde angestrebt. Nach dem Tod Lenins 1924 folgte ein erbitterter Machtkampf und 1927 wurde Josef Stalin der neue und alleinherrschende Generalsekret\u00e4r der KPdSU, der Kommunistischen Regierungspartei. Hungersn\u00f6te plagten das vom Krieg gebeutelte Land und Stalin setzte 1929 einen rigorosen 5-Jahres Plan zur Erneuerung des Landes ein. Die Zwangskollektivierung der Landwirtschaft, welche Teil des Plans war, kostete Millionen von Menschen, gerade in den l\u00e4ndlichen Gebieten das Leben. Stalin verfolgte eine Politik der Angst und reagierte auf Systemkritik meist mit Todesurteilen. Der Diktator herrschte bis zu seinem Tod im Jahre 1953.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>2.1 Die Russische Avantgarde<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die vorrevolution\u00e4re Zeit vom Anfang des 20. Jahrhunderts bis zur Oktoberrevolution war von einer starken russisch-k\u00fcnstlerischen Kraft gepr\u00e4gt. Die aufgeheizte politische Stimmung sorgte f\u00fcr anarchistische Str\u00f6mungen in der russischen Kunst, wobei die K\u00fcnstler den kollektiven und anti-subjektiven Gedanken der Politik in die Kunst mit hineintrugen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach der Revolution bildeten die K\u00fcnstler Kollektive und Vereinigungen und engagierten sich auch weiterhin politisch. Eine der bekanntesten Vereinigungen war die \u201eLinke Front der K\u00fcnste&#8221;. Ihr geh\u00f6rten bildende K\u00fcnstler, Regisseure, Komponisten, Dichter und Kulturtheoretiker wie Malewitsch, Meyerhold, Altman, Eisenstein und Majakowski an. Letzterer war die Symbolfigur der Vereinigung und auch ein Hauptvertreter des russischen Futurismus, der f\u00fcr eine radikale Abwendung von der hergebrachten Kunst standen. Die Futuristen deklarierten ihre Kunstform als die neue Staatskunst und stellten die alten Werte und Normen Russlands in Frage.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>2.2 Das Spannungsfeld zwischen Politik und Kunst<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die russische Avantgardekultur war nicht gerade massenkompatibel und so versuchte sie gerade in den Anfangstagen mit der Regierung zusammenzuarbeiten und war sogar bereit dem Staat treu zu dienen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Regierung belohnte ein solches Verhalten mit Ver\u00f6ffentlichungen der Werke der K\u00fcnstler. F\u00fcr Komponisten gab es zu Anfang der 20er Jahre zwei gro\u00dfe Vereinigungen, denen sie beitreten konnten: Die avantgardistische ASM (Assoziation zeitgen\u00f6ssischer Musiker), die \u201e<em>ihr \u00e4sthetisches Konzept auf den marxistischen Evolutionsgedanken gr\u00fcndet: So wie die Entfaltung des Kapitalismus die notwendige Voraussetzung f\u00fcr die sozialistische Revolution ist, stellt die Entwicklung der b\u00fcrgerlichen Kultur die Voraussetzung f\u00fcr ihre \u00dcberwindung und die Schaffung einer neuen dar<\/em>.&#8221;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Oder man trat der volksnahen APM (Assoziation proletarischer Musiker) bei, die sich entgegen der ASM f\u00fcr die Erhaltung des Volksliedes einsetzte und Musik als Propagandamittel ansah. Die APM forderte ganz klar, dass die Musik nur zur Vermittlung ideologischer Inhalte diene und eine durch reine Funktionalit\u00e4t die Massen erreichen solle, wohingegen die ASM einen \u00e4sthetischen Auftrag sah und das Volk im Hinblick \u201e<em>auf das k\u00fcnftige Tonbewusstsein<\/em>&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">erziehen wollte. So konnte in der Frage, ob das Niveau der Masse oder die Masse dem Niveau angepasst werden sollte, keine Einigung gefunden werden, da die \u00e4sthetische Grundpositionen der beiden Vereinigungen weit entfernt voneinander waren. Die Regierung aber hatte in ihrer Position die gleiche propagandistische Weltanschauung wie die APM, was sogar dazu f\u00fchrte, dass ein gro\u00dfer Teil der \u00e4sthetischen Grunds\u00e4tze der APM in den sozialistischen Realismus mit einfloss<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">. Somit stand die ASM als oppositionelle, regierungsfeindliche Vereinigung dar, was 1928 dann zur Aufl\u00f6sung f\u00fchrte. Nach der Macht\u00fcbernahme Stalins und das Inkrafttreten seines 5-Jahres-Plans beschloss das Zentralkomitee der KPdSU 1932 die Aufl\u00f6sung aller Komponistenverb\u00e4nde und gr\u00fcndete einen neuen, autorit\u00e4ren und zentralen Dachverband. Die Ideologisierung und Vereinnahmung der Kunst zu Propagandazwecken war in vollem Gange und der sozialistische Realismus wurde im gleichem Jahr von der Regierung proklamiert. Dieser richtete sich an die Literaten und forderte sie zu einer \u201e<em>wahrheitsgetreuen Darstellung der Wirklichkeit in ihrer Entwicklung<\/em>&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">auf. Somit wurde jeder systemkritische K\u00fcnstler zu einem Volksfeind, was Gef\u00e4ngnis oder sogar Hinrichtung nach sich ziehen konnte. Offiziell taucht der sozialistische Realismus in Zusammenhang mit Musik im Jahre 1948 auf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber inwiefern kann man in der instrumentalen Musik von dem Realen sprechen, was die Regierung seither propagiert oder anders ausgedr\u00fcckt: Kann Instrumentalmusik \u00fcberhaupt systemkritisch sein? Musik ist im Gegensatz zur Literatur viel abstrakter und weniger greifbar und kann schwerlich auf Aussage und Gehalt \u00fcberpr\u00fcft werden. Wir m\u00fcssen hierbei also ganz klar auf die \u00c4sthetik, Intonation und den Symbolcharakter eingehen. Da die russische Regierung Musik als Tr\u00e4ger der Ideologie sieht und sie zum Erreichen der Massen missbraucht, muss man davon ausgehen, dass die Partei\u00e4sthetik der damaligen Zeit auf \u201e<em>alte, im Bewusstsein verankerte Intonationen<\/em>&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">den Schwerpunkt legt. Hierzu geh\u00f6ren M\u00e4rsche und Lieder der Revolution, Volkslieder, Arbeiter- und Bauernlieder mit einfachen melodischen Charakterisierungen, plumpen Wendungen und einer klaren Form.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Gegensatz hierzu legt der avantgardistische Komponist aber Wert auf das Neue. Die Avantgarde geht davon aus, dass \u201e<em>ein Komponist den H\u00f6rerfahrungen seiner Zeit voraus ist und erst allm\u00e4hlich Anerkennung erf\u00e4hrt, eben dann, wenn seine Intonationsauswahl im H\u00f6rbewusstsein gefestigt ist<\/em>.&#8221;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Insofern waren also neue Intonationen oder sogar Atonalit\u00e4t im \u00c4sthetikkonzept der Genossinnen und Genossen der KPdSU nicht vorgesehen, da sie so ihre Verst\u00e4ndlichkeit und damit Massenwirksamkeit verlierten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Trotzdem war Stalin der Instrumentalmusik nicht abgeneigt, besonders die Oper und das Ballet hatten es ihm angetan. Er konnte sich den musikalischen Neuerungen nicht v\u00f6llig entziehen und so sah er in den zeitgen\u00f6ssischen russischen Komponisten und Musikern eine Chance, diese f\u00fcr internationale Propagandazwecke zu missbrauchen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>3 Biografie<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dimitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch wurde am 12. September 1906 in Leningrad geboren. Er erlernte schon fr\u00fch das Klavierspielen, da seine Mutter eine Pianistin war. Mit elf Jahren komponierte er die ersten St\u00fccke und kam mit 13 Jahren an das Konservatorium in Petrograd, wo er Klavier bei Leonid Nikolajew und Kompositionslehre bei Maximilian Steinberg studierte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">1922 starb sein Vater aufgrund einer Lungenentz\u00fcndung und die daraus resultierende angespannte finanzielle Situation der Familie zwang \u201eMitja&#8221; Schostakowitsch nun auch Geld mitverdienen zu m\u00fcssen, indem er Stummfilme auf dem Klavier begleitete. 1923 diagnostizierte man Lymphknotentuberkolose bei ihm und er musste sich einer Operation sowie einer langen Rehabilitation unterziehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schostakowitsch 1. Symphonie, welche auch seine Abschlussarbeit am Konservatorium war, wurde 1926 in Leningrad uraufgef\u00fchrt und brachte ihm den Durchbruch, da das Werk \u201e<em>den Weg ins Ausland findet und zum festen Bestandteil des internationalen Konzertrepertoires wird.<\/em>&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In den folgenden Jahren lie\u00df er sich von der Musik von Strawinsky, Hindemith, Berg, Mahler und Sch\u00f6nberg inspirieren und experimentierte mit atonaler Musik. Seine Werke waren aber dennoch \u201e<em>in besonderem Ma\u00dfe traditionell aufgebaut und von hohem Tonalit\u00e4tsgrad<\/em>&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">. Ein weiteres wichtiges Ereignis in Schostakowitschs Leben fand im Jahre 1927 statt, wo er f\u00fcr die russische \u201eMannschaft&#8221; beim internationalen Chopin-Klavierwettbewerb in Polen teilnehmen durfte. Die russische Delegation war zwar sehr erfolgreich, doch Schostakowitsch wurde nur am Rande erw\u00e4hnt, was er selbst als gro\u00dfe Erniedrigung wahrnahm.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Finanziell befand sich Schostakowitsch in einer schwierigen Lage, doch die Ern\u00e4hrung seiner Familie war ihm sehr wichtig. Deshalb nahm er im Fr\u00fchjahr 1927 den Auftrag der Regierung an, ein Werk anl\u00e4sslich des 10. Jahrestages der Oktoberrevolution zu komponieren. Die Urauff\u00fchrung von seiner Symphonie Nr. 2 \u201eAn den Oktober&#8221; fand im Juni 1927 statt und erhielt von der Parteijury den ersten Preis f\u00fcr die beste Komposition anl\u00e4sslich des Jubil\u00e4ums.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber es gab auch keinen Komponisten, der nicht irgendwann einmal mit den Ideologien der Regierung in Konflikt kam. So musste Schostakowitsch diese Erfahrung erstmals 1931 sammeln, als sein Ballet \u201eDer Bolzen&#8221; den Zorn der Zensoren auf sich zog und abgesetzt wurde. Auch seine erste Oper \u201eDie Nase&#8221; wurde nach 16 Auff\u00fchrungen abgesetzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Jahr 1934 findet die Urauff\u00fchrung seiner zweiten Oper \u201eLady Macbeth von Mzensk&#8221; in Leningrad statt. Die Oper, die auf der gleichnamigen Erz\u00e4hlung von Nikolai Leskow beruht, fand bei Publikum sowie bei der russischen Kulturelite gro\u00dfen Beifall.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nachdem aber Stalin das St\u00fcck zwei Jahre sp\u00e4ter besucht, erschien kurz danach ein Artikel in der <em>Prawda<\/em> mit dem Titel \u201eChaos statt Musik&#8221;. In diesem Artikel erz\u00fcrnt sich ein unbekannter Autor \u00fcber die betont disharmonische Musik und bezeichnet sie als Gepolter, Geprassel und Gekreisch. Au\u00dferdem bezeichnet der Autor die Oper als vulg\u00e4r und \u201e<em>linksradikale Z\u00fcgellosigkeit anstelle einer nat\u00fcrlichen, menschlichen Musik<\/em>&#8220;.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er wurde danach vom russischen Geheimdienst verh\u00f6rt und bespitzelt. Eine gro\u00df angelegte nationale \u201eS\u00e4uberung&#8221; von Volksfeinden erfasste das Land und Schostakowitsch komponierte nach all den Schm\u00e4hungen und Dem\u00fctigungen 1937 seine 5. Symphonie, die den \u00e4sthetischen Anspr\u00fcchen der Regierung entsprach und als massenkompatibles Werk die Gnade der Regierung zur\u00fcckgewann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">. Bis zu seinem Tod im Jahre 1975 komponierte Schostakowitsch acht B\u00fchnenwerke, 15 Symphonien, sowie zahlreiche Klavierkonzerte, Suiten, Kammermusiken und Filmmusiken. Interessanterweise gelten die 10. und 11. Symphonie, die er nach Stalins Tod 1953 schrieb, als seine Abrechnung mit dem Diktator.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>3.1 Schostakowitschs musik\u00e4sthetisches Konzept<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schostakowitsch lehnte den sozialistischen Realismus nicht grunds\u00e4tzlich ab und \u201e<em>machte aktuelle Ereignisse zum Thema seiner Symphonien, doch wertete er nie von der Warte der Ideologie, sondern immer von der des Betroffenen<\/em>.&#8221;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So machte er die Form des Werkes immer von dessen Inhalt ab. Schostakowitsch lie\u00df sich musikalisch von vielen Komponisten beeinflussen, doch keiner beeindruckte ihn wie Gustav Mahler. So betonte er \u201e<em>Mahler verstand die hohe ethische Bedeutung der Musik. Er drang in die verborgensten Winkel des menschlichen Bewusstseins, ihn bewegten die h\u00f6chsten Ideale der Welt<\/em>.&#8221;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber trotz der Bewunderung blieb Schostakowitsch im Gegensatz zu Mahler \u201e<em>ein Anh\u00e4nger der klassischen Struktur der Symphonie mit der obligatorischen Aufrechterhaltung der Sonatenform, besonders im ersten Satz<\/em>.&#8221;, l\u00f6ste sich selten vom viers\u00e4tzigen Idealtypus, aber \u201e<em>gelangt zu einem eigenen dramaturgischen Konzept<\/em>.&#8221;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>3.2 Werkanalyse der 5. Symphonie in d-Moll von 1937<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schostakowitsch selbst nannte dieses Werk die \u201e<em>sch\u00f6pferische Antwort eines Sowjetk\u00fcnstlers auf gerechte Kritik<\/em>&#8220;.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">An diesem Zitat sieht man sehr gut, inwiefern er Kompromisse eingeht, um im russischen Regime als Komponist zu \u00fcberleben. \u201e<em>Schostakowitsch erz\u00e4hlt in seiner 5. Symphonie eine konfliktreiche, dramatische Geschichte. Die Themen sind von eindr\u00fccklicher Aussagekraft und bildhafter Gestik<\/em>.&#8221;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Orchesterbesetzung ist in etwa vergleichbar mit einer der Sp\u00e4tromantik, wobei wieder der Einfluss Mahlers sp\u00fcrbar wird. Ein Hauptaugenmerk setzt Schostakowitsch auf den Einsatz des Klaviers. Er setzt es sparsam ein, um eine intensit\u00e4tssteigernde Wirkung zu erzielen, wie z.B. im 1. und 4. Satz zur Steigerung der Aggressivit\u00e4t eines Streichertremolos (s. Anhang CD, Nummer 1+4). Die Instrumentengruppen verwendet Schostakowitsch wie folgt: Die Holzbl\u00e4ser als Solostimmen, die Blechbl\u00e4ser als Kampf- und Fanfareninstrumente, das Schlagzeug zur Verst\u00e4rkung der Dramaturgie und die Streicher als Staccatolaufwerk bis hin zur Entfaltung weit geschwungener Melodieb\u00f6gen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im ersten Satz (Moderato) kann man die Bildsprache Schostakowitschs gut nachvollziehen. Das folgende Beispiel hat als Hauptthema mehrere Charakteristika:<\/p>\n<p><a rel=\"attachment wp-att-89\" href=\"http:\/\/nilsnordmann.de\/blog\/?attachment_id=89\"><img decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-89\" title=\"schosta-bsp1\" src=\"http:\/\/nilsnordmann.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/schosta-bsp1.tif\" alt=\"schosta-bsp1\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So kann man das Motiv b mit der absteigenden Linie in relativ gro\u00dfen Notenwerten und der Tiefalterierung des e als Geste der Klage und Trauer interpretieren, die dann von Motiv c mit seiner Aufw\u00e4rtsbewegung ausgeglichen wird. Hierbei verwendet er allerdings Sechzehntelnoten, die dann aber von Motiv m in Ankn\u00fcpfung an ein fr\u00fcheres Thema (Mordentfigur) wieder aufgel\u00f6st wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im n\u00e4chsten Beispiel spielt Schostakowitsch weiter mit dem Hauptthema:<\/p>\n<p><a rel=\"attachment wp-att-90\" href=\"http:\/\/nilsnordmann.de\/blog\/?attachment_id=90\"><img decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-90\" title=\"schosta-bsp2\" src=\"http:\/\/nilsnordmann.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/schosta-bsp2.tif\" alt=\"schosta-bsp2\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrend die H\u00f6rner in gro\u00dfen Notenwerten den Anfang des Hauptthemas spielen, werden sie vom anap\u00e4stischen Rhythmus der tiefen Streicher und des Klaviers begleitet. Sp\u00e4ter (ab T. 137) setzen die Trompeter ein, die das Mordentmotiv rhythmisch langsam wiederkehrend das Themenmaterial in eine von der Milit\u00e4rtrommel angetriebenen Marschmusik erinnern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Im letzten Beispiel kann man die vielgestalteten Harmonien sehen, die manchmal als funktional verst\u00e4ndliche Harmoniefelder erscheinen, dann aber im darauf folgenden Beispiel diese mit funktionsfreien, linear ausufernden und harmonische schwebenden Partien miteinander verbinden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\"><a rel=\"attachment wp-att-91\" href=\"http:\/\/nilsnordmann.de\/blog\/?attachment_id=91\"><img decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-91\" title=\"schosta-tafelbsp\" src=\"http:\/\/nilsnordmann.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/schosta-tafelbsp.tif\" alt=\"schosta-tafelbsp\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schostakowitsch hat mit dieser Symphonie ein sehr zeitgem\u00e4\u00dfes Werk geschaffen, dass gespickt ist mit versteckter Gesellschaftskritik, die von einem westlichen Konzertpublikum jedoch oft nicht wahrgenommen wird. Aber gerade im Westen hat das St\u00fcck gro\u00dfen Erfolg, was wahrscheinlich der als klassisch-romantische empfundenen \u00c4sthetik zu Grunde liegt, ihr aber nicht voll gerecht wird, da sich Schostakowitschs \u00c4sthetik, wie vorangegangen erl\u00e4utert, auf einer viel komplexeren Ebene im Spannungsfeld zwischen Zeitgeschehen, Politik und Kunst der damaligen Zeit bewegt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>4 Schlussfolgerungen<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Anhand der vorangegangen Fakten kann man sehen, wie komplex die Situation f\u00fcr Komponisten im Russland des 20. Jahrhundert war und welche Bedeutung der Staat im Leben dieser Komponisten gespielt hat. Am Beispiel von Schostakowitsch ist die Entwicklung erkennbar. Seine ersten Werke eckten mit der Regierung an und er musste aufgrund staatlicher Restriktionen immer konformerer komponieren. Die Restriktionen f\u00fchrten von Verh\u00f6ren und Bespitzelungen \u00fcber die Deportation seiner Schwester nach Sibirien bishin zu K\u00fcrzungen seines Gehaltes. Gerade der letzte Punkt f\u00fchrte dazu, dass sich Schostakowitsch nach au\u00dfen hin beugte, da ihm die Ern\u00e4hrung seiner Familie sehr am Herzen lag. Emigration war aber auch kein Thema f\u00fcr den Komponisten, da er mit dem Land sehr verbunden war. Also kennzeichnete sein Leben die komplexe Gradwanderung zwischen freiheitlichem Komponieren und Systemanpassung.<br \/>\n<strong><br \/>\nLiteraturverzeichnis<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Arnold Feil: Metzler Musik Chronik. Metzler Verlag. Stuttgart. (2005)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Karen Kopp: Form und Gehalt der Symphonien des Dimitri Schostakowitsch. Verlag f\u00fcr systematische Musikwissenschaft. Bonn. (1990)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ingo F. Walther: Kunst des 20. Jahrhunderts. Taschen Verlag. K\u00f6ln. (2000)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jaques Wildberger: Dimitri Schostakowitsch. 5. Symphonie D-Moll Op. 47. Wilhelm Fink Verlag. M\u00fcnchen. (1989)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Solomon Wolkow: Stalin und Schostakowitsch. Der Diktator und sein K\u00fcnstler. Ullstein Buchverlage. Berlin. (2004)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Alfred P. Zeller: Das neue gro\u00dfe L\u00e4nderlexikon. Zweiburgen Verlag. Weinheim. (1985)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine alte Hausarbeit zu Dimitri Schostakowitsch. 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